„Wir brauchen Orte, wo der Mensch etwas über sich selbst erfährt“

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Am 31. März öffnet in Heilbronn Deutschlands größtes Science Center. Mit spektakulärem Neubau und umgebautem Bestandsgebäude bietet die experimenta eine einzigartige Wissens- und Erlebniswelt. Im Interview äußert sich Geschäftsführer Dr. Wolfgang Hansch zur Faszination von Wissenschaft und Technik, den Herausforderungen in der Neubauphase und wie Wissenschaft mit allen Sinnen erlebt werden kann.


Mit dem Neustart ist die experimenta das größte Science Center Deutschlands. Was waren die größten Herausforderungen in der Bauphase?

Ein architektonisch so außergewöhnliches Gebäude zu planen, zu bauen und parallel eine hochkomplexe Technik zu entwickeln und zu integrieren, war schon herausfordernd. Hinzu kamen die Neugestaltung des Bestandgebäudes, der Umbau eines Tankschiffes zur MS experimenta und der Aufbau eines neuen Teams mit rund 50 verschiedenen Berufsgruppen. Und das in vier Jahren. Ein – wie wir feststellen konnten – sehr ambitioniertes Gesamtvorhaben.

Mit dem Neubau wurde die Konzeption der experimenta geändert. Was steckt dahinter?

Wissensexplosion in Naturwissenschaft und Technik, Digitalisierung aller Lebensbereiche, Wertediskussionen – unsere Gesellschaft und unsere Umwelt verändern sich schneller denn je. Wir brauchen Orte, wo der Mensch etwas über sich selbst erfährt, und wo er angeregt wird, einen Kompass für das Leben zu finden. Solche Orte sind wichtiger denn je und eine gute Basis, um Veränderungen positiv, mit Neugierde und humanistischen Wertvorstellungen anzunehmen. Die experimenta möchte ein solcher Ort sein.

Wann entstand die Idee zum Science Dome als Kombination aus Planetarium und Experimentaltheater?

Die Idee entstand bereits Anfang 2013. Wir hatten in unseren ersten Erweiterungsplänen nicht genügend Platz, um ein Planetarium und einen Veranstaltungssaal mit modernster Bühnentechnik zu bauen. Zudem wäre es sehr teuer geworden. Die Firma Kraftwerk hatte dann die geniale Idee, beides durch die Drehung des Auditoriums zusammenzubringen. Gemeinsam entstand dann das Konzept des Science Domes als Weltneuheit.

Nach welchen Kriterien wurde der neue Ausstellungsbereich – die Entdeckerwelten – gestaltet?

Die Besucher sollen durch außergewöhnliche Exponate und eine emotional ansprechende Gestaltung angeregt werden, sich interaktiv mit Themen aus Wissenschaft und Technik zu beschäftigen. Dabei sollen sie Spaß haben und auch etwas über ihre eigenen Kompetenzen erfahren. Durch die Interaktion möchten wir die Besucher animieren, über Alltagsfragen genauso nachzudenken, wie über Fragen hochmoderner Forschung.

Ein Publikum im Alter von vier bis 99 Jahren anzulocken, ist ein schwieriger Spagat. Wie kann das gelingen?

Mit zwei, drei Angeboten alle Altersgruppen zu erreichen, ist schlichtweg unmöglich. Deshalb haben wir eine sehr große Auswahl unterschiedlichster, zielgruppengerechter  Formate entwickelt. Diese sind trotzdem generationenübergreifend und passen perfekt zu unserem Motto „Erleben schafft Wissen“.

Denken Sie, dass Wissenschaft und Technik in deutschen Schulen einen angemessenen Stellenwert genießen?

Man sollte Schulen nicht überfordern, sie müssen auch Basiskompetenzen vermitteln. Viel wichtiger ist, dass Schulen Orte wie die experimenta besuchen. Hier finden sie Angebote vor, die auf innovative Art und Weise Neugierde fördern, motivierend und überraschend sind und damit auf die Schulen positiv zurückstrahlen. Die experimenta ist ein großes Labor zu den Möglichkeiten des Lernens. Warum als Schule also nicht einen ganzen Schultag in der experimenta verbringen?

In den Forscherwelten bieten Sie mit acht Laboren und einer Experimentierküche Raum für Experimente an. Auf welche Kursangebote können Schulklassen und Kindergartengruppen bei der experimenta konkret zugreifen?

Die experimenta bietet über 50 Kursangebote. Diese reichen vom Kindergarten bis zum Hochschulniveau. Wir greifen vertiefend schulische Themen auf, aber auch Themen - Stichwort Digitalisierung - die noch nicht in den Curricula verankert sind. Bestimmte Angebote, zum Beispiel aus der Experimentierküche, möchten wir auch Erwachsenen anbieten. Und der Maker Space wird besonders junge Tüftler anziehen.

Sie sind ein Verfechter des lebenslangen Lernens und neuer Wege des Lernens. Was ist das Innovative an der Art, wie Wissen in der experimenta vermittelt wird?

Die Besucher werden selbst zum Entdecker, zum Erforscher. Sie können frei wählen, welche Ebene der Wissensvermittlung sie nutzen möchten: interaktiv durch die Beschäftigung mit Exponaten, forschend durch das Lösen einer vorgegebenen Aufgabenstellung oder audiovisuell durch partizipatives Zuhören und –sehen. Unser Ziel ist der intrinsisch motivierte Wissenserwerb.

Zu guter Letzt, welche Leistung in der Wissenschaft hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Es gibt viele wichtige Entdeckungen und damit Forscher, die Grandioses geleistet haben. Mir fällt es deshalb schwer, etwas herauszugreifen. Aber einige haben mehr als andere die Basis für eine große Zahl weiterer Entdeckungen oder Erfindungen gelegt. Dazu gehören sicherlich die Erfindung des Rades vor über 5.000 Jahren, der Buchdruck im 15. Jahrhundert, die Begründung der Bakteriologie im 19. Jahrhundert oder die Relativitätstheorie und das World Wide Web im 20. Jahrhundert.

Zur Person: Wolfgang Hansch ist seit der Gründung 2007 Geschäftsführer der experimenta gGmbH und hat das Konzept des Science Centers sowie die Neugestaltung maßgeblich mitgestaltet. Der habilitierte Geologe war zuvor Leiter des Naturhistorischen Museums Heilbronn.

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