„Bei Kindern ist von Natur aus ein Forschergeist vorhanden“

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Die Forscherwelten der experimenta bieten auf über 2.500 Quadratmeter Fläche den Raum und eine moderne Labor-Ausstattung für vielfältige Experimente. Bereichsleiter Dr. Thomas Wendt erklärt im Interview, wie bei Kindern und Jugendlichen das Interesse an MINT-Themen geweckt werden kann, erläutert, warum Geoinformatik-Kenntnisse immer wichtiger werden und gibt einen Ausblick auf das Bundesfinale „Jugend forscht“, das 2021 in Heilbronn stattfindet.


Mit acht Laboren und der Experimentierküche hat sich das Angebot im Laborbereich der experimenta seit der Neueröffnung im Frühjahr mehr als verdoppelt. Was ist neu und welchen Anspruch haben Sie an die Wissensvermittlung?
Ganz neu in den Forscherwelten sind ein Informatiklabor mit dem Schwerpunkt Geoinformatik zur Arbeit mit Satelliten- und Fernerkundungsdaten sowie eine Experimentierküche. Insgesamt umfasst unser Angebot nun knapp 60 Angebote die alle an die Bildungspläne angelehnt sind. Darüber hinaus runden Ferienkurse, Projektworkshops und zahlreiche Wettbewerbe das Angebot ab. Mit spannenden Experimenten und neuester technischer Ausstattung möchten wir Kinder und Jugendliche für naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen begeistern.

Die experimenta ist als außerschulischer Lernort anerkannt. Welche Vorzüge bietet die experimenta gegenüber schulischen Einrichtungen?
Anerkannte außerschulische Lernorte wie die experimenta erhalten Lehrerabordnungsstunden und bieten Möglichkeiten zum naturwissenschaftlich-technischen Arbeiten, die weit über den schulischen Rahmen hinaus gehen. Da geht es zum einen um die überdurchschnittliche Ausstattung der Labore, die in weiten Teilen der in Forschungsinstituten oder der Industrie entspricht. Zum anderen verfügen wir über fachlich geschultes Personal, das eine individuelle Betreuung der Kursteilnehmer ermöglicht. 

Zu den Zahlen: Wie viele Kurse bieten Sie jährlich an und wie viele Schülerinnen und Schüler belegen Kurse bei Ihnen?
In den letzten Jahren vor dem Umbau hatten wir in den Laboren bis zu 800 Schulklassen pro Jahr zu Gast. Zusammen mit den Ferienkursen, Workshops und Wettbewerben haben knapp 20.000 Schülerinnen und Schüler pro Jahr in den Laboren experimentiert. Langfristig streben wir an, diese Zahlen zu verdoppeln. Die ersten Monate nach der Neueröffnung im Frühjahr 2019 bekräftigen unsere Ziele: Vor der Sommerpause konnten wir bereits 40 bis 45 Laborkurse pro Schulwoche durchführen. Zählt man die weiteren Aktivitäten dazu, ist eine jährliche Zahl von etwa 45.000 Schülerinnen und Schülern in den Laborprogrammen durchaus realistisch.  

Neu im Angebot sind Geoinformatik-Kurse. Warum wird dieser Bereich immer wichtiger und was steckt genau dahinter?
Heutzutage hat jedermann Zugriff auf unbegrenzte Satelliten- und Fernerkundungsdaten. Leider ist die Hardwareausstattung an den Schulen meist nicht ausreichend, um diese riesigen Datenmengen herunterzuladen und anschießend zu bearbeiten. Um aktuelle Entwicklungen – beispielsweise den Klimawandel – authentisch darstellen zu können, ist der Zugriff auf neueste Daten erforderlich. Deshalb werden wir langfristig in diesem Labor neben der Geoinformatik auch weitere Themenfelder wie beispielsweise die Bioinformatik untersuchen.

Wie schaffen Sie es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse an MINT-Themen zu wecken?
Interessierten Kindern versuchen wir bereits frühzeitig Angebote außerhalb des schulischen Rahmens zu machen. Das können ein- bis mehrtägige Ferienworkshops bis hin zu Clubs oder Akademien sein, die sich über ein ganzes Schuljahr erstrecken. Es ist bekannt, dass bei jüngeren Kindern von Natur aus ein Interesse an MINT-Themen und ein Forschergeist vorhanden sind. Dies tritt erst im Laufe der Entwicklung in den Hintergrund und andere Dinge werden wichtiger. Hier gilt es, kontinuierlich attraktive und motivierende Angebote zu machen, um das MINT-Interesse hoch zu halten. Da sind natürlich naturwissenschaftliche Wettbewerbe auch ein wichtiges Element. 

Mit dem Maker Space stellt die experimenta jungen Machern eine offene Plattform zum Tüfteln, Gestalten und Ausprobieren zur Verfügung. Was bezwecken Sie damit?
Wir haben in der Vergangenheit festgestellt, dass die Laborkurse zwar von Schülerinnen und Schülern aller Klassenstufen fleißig besucht wurden. Aber bei den privaten Besuchern war die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich unterrepräsentiert. Junge Menschen sind häufig wenig verbindlich und suchen spontane Abwechslung. Gegenüber den neuen Medien und der zunehmenden Digitalisierung sind sie jedoch sehr aufgeschlossen. Mit dem Maker Space haben wir ein offenes, kostenfreies und kreatives Angebot geschaffen, das sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert und dann verfügbar ist, wann die Jugendlichen Zeit haben. Deshalb hat der Maker Space Dienstag bis Samstag von 15:00 bis 22:00 Uhr geöffnet. Auch in den Ferien und an Feiertagen. 

Das Schülerforschungszentrum Nordwürttemberg befindet sich im Haus und 2021 findet das Finale des Bundeswettbewerbs „Jugend forscht“ in der experimenta statt. Welche Rolle spielt die experimenta in der deutschen Bildungslandschaft?
Das Schülerforschungszentrum an der experimenta bietet Jugendlichen umfangreiche Möglichkeiten für Forschungsprojekte, wie sie sonst nur an Universitäten oder Forschungsinstituten zu finden sind. Die Geräteausstattung ist überdurchschnittlich und potentielle Betreuer werden von Unternehmen, Hochschulen und anderen Kooperationspartnern rekrutiert. Zudem unterstützen wir die jungen Forscher beim thematischen Austausch mit Fachwissenschaftlern. Das Ziel ist immer die Teilnahme von Projektteams an Wettbewerben. Die experimenta ist seit vielen Jahren Partner von „Jugend forscht“ und führt jeweils zu Beginn der „Jugend forscht“-Saison eine Auftaktveranstaltung für Betreuer durch. Was liegt also näher, als den wohl renommiertesten Schülerwettbewerb 2021 in die experimenta nach Heilbronn zu holen. 

Unsere Welt ändert sich durch Wissenschaft und Technik permanent. Wie schaffen Sie es, das Angebot der experimenta up to date zu halten?
Wir sind sehr gut in den verschiedensten Netzwerken wie etwa Lernort Labor oder dem Didacta Verband vertreten und tauschen uns dort regelmäßig aus. Darüber hinaus gibt es sehr enge Kontakte zu zahlreichen wissenschaftlichen Instituten wie Fraunhofer, EMBL, DLR sowie Universitäten und pädagogischen Hochschulen. Aber auch der enge Kontakt zu Unternehmen in der Region Heilbronn-Franken ist uns wichtig und hilft, neue Impulse zu generieren. Dank unseres jungen Labor-Teams profitieren wir zudem von neuestem wissenschaftlichen Input. Selbstverständlich bilden sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemäß unserer Prämisse des lebenslangen Lernens auch kontinuierlich weiter. 

Zu guter Letzt, welche Leistung in der Wissenschaft hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?
Mich persönlich beeindruckt die Entwicklung in der IT unglaublich. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Computer, einen C64. Damals wurden die Daten von einem Kassettenlaufwerk überspielt und ich war glücklich, als die ersten Spiele störungsfrei liefen. Heute hat man sein Heimkino immer in der Hosentasche mit dabei, ist überall auf der Welt erreichbar und hat Zugriff auf unbegrenzte Datenmengen. Das ist schon eine imposante Entwicklung von der Papyrusrolle über den Buchdruck bis hin zur digitalen Gesellschaft. 

Zur Person:
Thomas Wendt ist seit 2009 an der experimenta und verantwortet als Bereichsleiter Pädagogik I die Experimentierorte und Programme der Forscherwelten, zu denen die Labore, das Schülerforschungszentrum Nordwürttemberg und der Maker Space gehören. Der gebürtige Heidelberger hat das Studium der Biologie mit anschließender Promotion am Europäischen Molekularbiologischen Labor (EMBL) in Heidelberg absolviert.

 

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