Die Experimenta

    Spektakuläre
    Architektur

Der Umbau des Bestandsgebäudes

Die Neuinterpretation des früheren Speichers

Die Heimat der experimenta ist der sogenannte Hagenbucher, der markante ehemalige Ölsaatenspeicher aus den 1930er­Jahren, der aus einem tragenden Stahlbetonskelett und einer verklinkerten Außenwand besteht: Während diese Stahlbetonstützen und Unterzüge die Innenräume prägen, ist die Backsteinfassade des Altbaus mit typischen Industriesprossenfenstern für seine Außenwirkung charakteristisch.

Thomas Bochmann

Architekt, studioinges, Berlin
„Die versetzte Anordnung beim Bestandsgebäude von Altbau und Anbau macht die grüne Wand auch im Stadtraum weithin als Signet sichtbar. Für dieses Spiel zwischen Hülle und Schnitt durch das Innere wurde das Bild einer aufgeschnittenen Kiwi zum prägnanten Sinnbild des Entwurfes.“

2005 entstand die Idee, im leerstehenden Speichergebäude der ehemaligen Ölmühle „Hagenbucher“ auf der Neckarinsel ein Science Center einzurichten. Das bei den Heilbronnern unter dem Namen der Mühle bekannte Gebäude t das einzig verbliebene Relikt einer ehemals ausgeprägten industriellen Bebauung der neben der Altstadt gelegenen Neckarinsel.

Der markante ehemalige Ölsaatenspeicher aus den 1930er-Jahren besteht aus einem tragenden Stahlbetonskelett und einer verklinkerten Außenwand: Während diese Stahlbetonstützen und Unterzüge die Innenräume prägen, ist die Backsteinfassade des Altbaus mit ihren typischen Industrie-sprossenfenstern für seine Außenwirkung charakteristisch.

Das Berliner Büro studioinges ging als Sieger aus einem Architektenwettbewerb hervor; es ergänzte den Speicher um einen schlanken Neubau. Nach 18 Monaten Bauzeit konnte das Gebäude als „experimenta – Science Center der Region Heilbronn-Franken“ im Herbst 2009 eröffnet werden.

Historische Industriearchitektur neu interpretiert

Der Ergänzungsbau von 2009 übernimmt die Materialität des Altbaus aus dem Jahr 1936, als „gemeinsame Haut“ erhielt der neue Anbau die gleiche Klinkerschale wie das bestehende Lagergebäude. Die solitäre Wirkung des Bauwerks auf der Neckarinsel wird auf diese Weise gestärkt bzw. fortgeführt.

An der Schnittstelle des Zwillingsgebäudes entstand eine gläserne Fuge; an ihr gibt das Gebäude in schillernden Grün- und Gelbtönen etwas von seinem Inneren preis und eröffnet spannende Ein- und Ausblicke. Die farbig beleuchteten Aluminiumplatten der Fugenwand bilden einen spannungsreichen Kontrast des artifiziellen Innenlebens zu den natürlichen braun roten Backsteinen der Außenhaut. Durch die in die grüne Wand entlang der Fuge eingeschnittene Haupttreppe wird diese zur Skulptur ausgeformt. Die versetzte Anordnung beim Bestandsgebäude von Altbau und Anbau macht die grüne Wand auch im Stadtraum weit hin als Signet sichtbar. Für dieses Spiel zwischen Hülle und Schnitt durch das Innere wurde das Bild einer auf geschnittenen Kiwi zum prägnanten Sinnbild des Entwurfes.

Die Geschosse des historischen Lagergebäudes mit ihren ausgeprägten sichtbaren Stahlbetonskeletten wurden weitestgehend erhalten und haben bisher die Ausstellung beherbergt. Lediglich im obersten Geschoss wurden Dach und Stützen zugunsten eines als Kubus konzipierten Veranstaltungssaales mit Pausenfoyer und Dachterrasse entfernt.

Veränderte Nutzung und Umgestaltung

Nach den ersten Erweiterungsplänen der experimenta Heilbronn um das Jahr 2012 begannen auch für das Bestandsgebäude erste Umbauplanungen, da den Flächen in diesem Gebäude zukünftig neue Nutzungen zugewiesen werden. Im Kontext mit dem Neubau der experimenta übernimmt das Bestandsgebäude in Zukunft überwiegend das Kursangebot in den Laboren sowie die Verwaltungsflächen der experimenta.

Im 4. Obergeschoss wird der ehemalige Speicher zu einem Schülerforschungszentrum mit Forscherlaboren und -werkstätten verändert.
Der Veranstaltungsbereich im 5. Obergeschoss mit dem „Kubus“ genannten Saal, seinem Foyer und einer Dachterrasse mit Ausblick auf die Altstadt bleibt weiterhin bestehen. Das Erdgeschoss wird dagegen zu einer offenen Kreativwerkstatt, einem sogenannten Maker Space, mit digitalen und analogen Werkplätzen, Video- und Tonarbeitsplätzen, Lounge sowie einem Forum ausgebaut.

Die gestaltprägende Architektur des Gebäudes wird nach dem Umbau erhalten bleiben. Eine größere Anpassung erfährt dagegen die Altbaufassade des „Hagenbuchers“, da viele der alten Industriefenster für die neue Büro- und Labornutzung vergrößert werden. Die grüne Erschließungsfuge wird zusammen mit dem bisherigen Eingangsfoyer weiterhin das markante Element des Hauses bilden.

Den spektakulärsten und größten Eingriff wird es im bisherigen Foyer geben: Nachdem aus dem Architektenwettbewerb für den Neubau 2013 der Entwurf des Büros Sauerbruch Hutton als Gewinner hervor ging, wurde eine unterirdische Anbindung an das Tieffoyer des Neubaus geplant.

Text: Dipl.-Ing. Thomas Bochmann, studioinges, Berlin

Der Neubau

Architektur als Erlebnisraum

Der spektakuläre Neubau der experimenta ist Instrument, Bühne und Skulptur zugleich. Seine Architektur – konzipiert von Sauerbruch Hutton, Berlin – ist getragen von Transparenz, Eleganz und sachlicher Poesie und überrascht die Besucherinnen und Besucher immer wieder.

Prof. Matthias Sauerbruch

Architekt, Sauerbruch Hutton, Berlin
„Experimentieren wurde hier auch zum architektonischen Prinzip. Dies zeigt sich zum Beispiel an der Konzeption der sogenannten Studios. Sie sind in das Zentrum der Spirale als vier raumgroße Glaskörper eingehängt und bilden den leuchtenden Kern dieses kristallinen Gebäudes. Diese Konstruktionen gehen an die Grenzen des Machbaren.“

Prägnante Raum-Spirale

Im Vergleich zum Bestandsgebäude, dem Hagenbucher Speicher von 1936 (Umbau 2008 / 09) mit seiner stringenten Mauerwerks-Architektur, kennzeichnet den Neubau eine dynamische Struktur aus Glas und Stahl, die vor allem auf das Zeigen und Erleben ausgerichtet ist. Das prägnanteste architektonische Element dieses Erweiterungsbaus ist die „Raum-Spirale“, ein durchgängiger quasi öffentlicher Erschließungs- und Aufenthaltsraum, der sich vom Vorplatz bis zum Dach durch das Haus windet und auf insgesamt fünf Etagen die verschiedenen Bereiche miteinander verbindet.

Perspektivenwechsel

Auf diesem Weg bieten sich nicht nur die Ausstellungen und die gläsernen Studios im Atrium zur Betrachtung an. Durch die Fenster des großzügig verglasten Spiralwegs sieht man auch auf  die umgebenden Stadt- und Naturräume – den Flussraum des Neckars, die Altstadt von Heilbronn, auf die umgebenden Weinberge und Täler – und nicht zuletzt auch in den Sternenhimmel, denn der Rundweg

endet bei der Sternwarte auf dem Dach des Hauses. Auf der ansteigenden Spirale begegnen die Besucherinnen und Besucher also nicht nur aktiv Phänomenen der Naturwissenschaft und technischen Prinzipien mit deren Anwendungen, sondern visuell auch ihrer konkreten alltäglichen Umwelt aus neuer wechselnder Perspektive.

Der Neubau breitet mit dieser Disposition nicht nur sehr anschaulich das Beziehungsgeflecht von „Mensch, Natur und Technik“ vor den Augen der Besucherinnen und der Besucher aus, er wird zudem selbst zum Gegenstand der Ausstellung. Die alternierende Begegnung von interaktivem Angebot und spezifischer Situation, Abstraktion und Anschauung, Konzentration und Entspannung macht den besonderen Reiz dieses verdichteten Erlebnisses aus.

Dynamisches Tragwerk

Die Konzeption des Baus als Vehikel von Ausstellung und Erlebnis führt zu einem Tragwerk der Besonderen Art, das schon auf den ersten Blick erkennbar wird: An den Fassaden der Ausstellungswelten fallen die großen Fach werkträger auf, die die dahinter liegenden Ausstellungs-Bereiche umschließen, im Bereich der Raum-Spirale hingegen ist die Konstruktion fast abwesend. Das ganze Haus steht auf einem zentralen Betonkern und nur sieben vertikalen Stützen, an denen die sich überlagernden Fachwerkträger „aufgefädelt“ sind. Die Decken der großen Spirale sind dann von den jeweils darüber liegenden Trägern mit extrem schlanken Hängestützen abgehängt. So ergibt sich ein dynamisches Alternieren von Trägern und Stützen mit großen Spannweiten und kühnen Auskragungen, das dem Besucher auf dem Weg durch das Gebäude immer wieder begegnet. Die Konstruktion ist deutlich sichtbar und erscheint als ein großes Gefüge von Material gewordenen Kräften, die den kinetischen Raum der Spirale in einem dynamischen Gleichgewicht umspielen. Besondere Räume bilden die sogenannten Studios, die in das Zentrum der Spirale als raumgroße Glaskörper eingehängt sind und den leuchtenden Kern dieses kristallinen Gebäudes bilden.

Neben dem expressiven Tragwerk sind es die aus dem Grundstück entwickelten pentagonalen Grund- risse, die dem Bauwerk seine charakteristische Form geben. Diese Fünfeck-Formen werden bis in den Mikromaßstab diverser Oberflächen und Ausstattungsgegenstände fortgesetzt.
Eine Ausnahme bildet der Kuppelraum des „Science Dome“, der in die Erde „eingegraben“ ist, um sein großes Volumen in die Gesamtkomposition der Anlage harmonisch zu integrieren. Seine Form ist ganz aus der Funktion als 360-Grad-Kuppeltheater entwickelt.
Der spektakuläre Neubau der experimenta ist Instrument, Bühne und Skulptur zugleich.  Er soll die Freude am Experiment, Wissenslust und Innovation vermitteln. Seine Architektur ist getragen von Transparenz, Eleganz und sachlicher Poesie und wird die Besucherinnen und Besucher immer wieder in Staunen versetzen. 

Text: Prof. Matthias Sauerbruch, Architekt, Sauerbruch Hutton, Berlin